Estland
Saarema
Wir setzten mit der Fähre von Virtsu nach Kuivastu über - der erste Schritt auf die größte Insel Estlands, Saaremaa. Schon die Überfahrt hatte etwas von einem Übergang in eine andere Welt: vom Festland hinein in eine Landschaft aus Meer, Wind und Weite.
Die Insel empfing uns mit Ruhe. Straßen, die sich zwischen Feldern und Wäldern hindurchschlängeln, und immer wieder der Blick auf das Wasser. Traditionelle Windmühlen am Wegesrand wirkten wie stille Wächter vergangener Zeiten.
In Kuressaare, der kleinen Hauptstadt, erhebt sich die mittelalterliche Burg wie ein steinernes Herzstück der Insel. Hinter den dicken Mauern lässt sich die wechselvolle Geschichte spüren - von den Deutschen Ordensrittern über die Schweden bis hin zu den Russen. Heute ist es ein Museum, doch ihr Anblick erzählt noch immer von Macht, Handel und Seefahrt.
Besonders eindrucksvoll war der Besuch des Kaali-Kraters. Hier schlug vor rund 4000 Jahren ein Meteorit ein und hinterließ eine kreisrunde Narbe in der Landschaft, heute gefüllt mit Wasser. Am Rand des Kraters standen wir still - es ist ein Ort, an dem man die Gewalt kosmischer Kräfte erahnen kann, aber auch die Mythen und Geschichten, die die Menschen seit Jahrhunderten damit verbinden.
Und dann die Natur: Felder, die sich bis zum Horizont dehnen, Moore und Wälder, die wie unberührt wirken, und Störche, die in den Sommermonaten majestätisch über die Landschaft ziehen. Alles auf dieser Insel scheint ein wenig langsamer, ein wenig stiller zu sein.
Nur eines störte die Idylle: unzählige Mücken, die uns ohne Gnade umschwirrten. Kaum ein Abend verging, ohne dass wir zerstochen wurden - ein beinahe tropisches Erlebnis mitten in Nordeuropa.
Unser Besuch auf Saaremaa war eine Mischung aus Geschichte, Natur und innerer Ruhe. Eine Insel, die nicht laut beeindruckt, sondern leise - mit Bildern, die bleiben: die Wellen an der Küste, das Gestein des Kraters, die Mauern der Burg, die Störche auf den Feldern und, ja, auch die Erinnerung an die Mücken, die uns fast zur Verzweiflung gebracht hätten. Saaremaa wirkt nach - wie ein Ort, den man nicht einfach nur gesehen, sondern ein Stück weit gespürt hat.